Meine Examensarbeit: Das Leben ist kein Naturschutzgebiet

... es ist erlaubt die Wege zu verlassen.

Das Thema meiner Abschlussarbeit des Studiums Illustrationsdesign, ist ein Buchobjekt,
dessen Illustrationen sich im Bereich zwischen Sachbuch und Belletristik bewegen.
Es geht um eine schizophrene Psychose und die Arbeit versteht sich als Therapie 
begleitende Maßnahme, die der Vermittlung zwischen Betroffenen, Angehörigen und
Professionellen (Ärzten, Psychologen, Pflegekräften, Betreuern etc.) dienen soll. (Trialog)
Die Entscheidung hierfür ergab sich aus meiner eigenen Psychoseerfahrung.

Da zu dieser Thematik bereits eine Fülle von illustrierten Broschüren, Büchern, 
Fachzeitschriften, etc. vorliegen, welche zumeist sich auf den Sachinhalt beziehende 
Infografiken beinhalten, war es mir ein Anreiz, dieses ernste Thema in eine durch persönliche
Erlebnisse geprägte, fiktive Welt zu übertragen.
Durch die kindlich einnehmende Darstellungsweise wird dem Betrachter eine
nicht- medizinische/ pathologische, sondern eher spielerische, kreative Kommunikation
mit dem Inhalt ermöglicht.
Die Erzählweise sowie die illustrative Umsetzung ist zwar durch meine eigenen
Erfahrungen beeinflusst, doch bleibe ich als Person außen vor, um keine autobiographische,
oder gar aufdringlich- intime Atmosphäre herzustellen.

Ein wichtiges Anliegen ist es mir aufzuzeigen, dass eine Psychose neben allem Leid
auch der Nährboden für eine produktive Auseinandersetzung mit der eigenen Krise bilden kann.
Das gilt sowohl für mich als Betroffene, als auch für den erweiterten Kreis von Angehörigen,
Freunden und sonstwie interessierten Umfeld.

Der Text liegt, gesondert von den Illustrationen, in einem kleinen Büchlein vor.
Die Illustrationen zeichnete ich auf Postkarten, um ihnen die Anmutung eines 
Reiseberichts, ( aus einer anderen Welt) zu verleihen.
Auf allen 23 Illustrationen, welche für die Innenwelt stehen, sind mit Hilfe von Fotoecken
herausnehmbare Aufnahmenvon meinem psychiatrischen Umfeld montiert, welche
für die Außenwelt stehen.

Für die Trennung von Erzähltext und Illustration habe ich mich entschieden um
a) die Postkarten als Objekte zu erhalten und
b) um dem Leser zwei unterschiedliche Herangehensweisen zu eröffnen:
Entweder kann er sich über die selbsterklärende Textebene einen Zugang verschaffen,
oder er kann sich in eine assoziative Auseinandersetzung mit den illustrierten 
Paragraphen begeben, ( im Text sind an den entsprechenden Stellen Verweise eingetragen).
Diese beziehen sich auf reduzierte Aspekte der Geschichte, fassen jene in ihrer
Quintessenz zusammen und ergeben in ihrer Summe eine eigenständige Bildgeschichte.
Da die enthaltenen zahlreichen Details einen einfachen Zugang ermöglichen
wird die Komplexität des Themas intuitiv für den Leser erfahrbar.

Zusammengefasst besteht die Arbeit aus:
23 Illustrationen,
23 Fotos,
einem Textbüchlein,
einem Lesezeichen und
einer Verpackung

Das Projekt ist meiner geliebten Katze Mizi gewidmet. Heute ist sie 18 Jahre alt.








§2 Zur Beteiligung verpflichtende Attraktionen des Schwarzmarktes



§4 Artgerechte Bedingungen zur Haltung einer lebendigen Blechdose



§15 Alle Wwesen müssen am 19. Juli farbenreiche Kometenschweife am Himmelszelt beobachten



Im Eingangsbereich der Psychiatrie ist das Rauchen verboten



Mitarbeiter im Sekretariat



Flurmöblierung auf der Psychosenstation im 2. Stock



zum Verständnis: Das Foto wird über die Illustration montiert



Manchmal gibt es auch etwas zum Aufklappen



Das Lesezeichen ist wie ein Hütchen auf die Seite zu setzen



Das Textbüchlein


Erste Leseprobe: Seite 2 bis 3

Zwar hatte die Erdenbeere das Klopfen gehört, doch saß sie gerade auf Toilette
und wollte ihre Bemühungen um einen geregelten Stuhlgang nicht unterbrechen.
Ächzend und stöhnend drückte sie so doll sie konnte und blieb trotzdem ohne Erfolg.
Das ging schon seit knapp drei Wochen so, aber heute Abend fiel der Erdenbeere
siedend heiß die tragische Geschichte einer ehemaligen Freundin ein:
Kyrelli hatte sich, auf Klo sitzend, dermaßen angestrengt, dass sie ohne es zu bemerken
gleich zwei ihrer wichtigsten Organe heraus gedrückt und, (ihr Schicksal kannte keine
Gnade), sogar weg gespült hatte. Aufgrund entsetzlicher Beschwerden ging sie am
nächsten Tag zum Arzt, der ihr in einer 23-stündigen Operation Ersatzorgane aus
Plastik einsetzte. Zum Glück konnte Kyrelli dadurch beschwerdefrei weiterleben,
doch brauchte sie von da an sehr viel Zeit auf Toilette, weil sie vor dem Wasserlassen
sowie vor dem Stuhlgang erst einmal technische Geräte an ihren Körper anschließen
musste. Dazu benutzte sie eine übel riechende Spezialpaste, die es seltsamerweise nur
auf dem Schwarzmarkt zu kaufen gab. (siehe Paragraph 2)
Aus Angst sich anzustecken und selbst eines Tages mit Plastikorganen aufzuwachen,
hatte die Erdenbeere jeden Kontakt zu Kyrelli abgebrochen.
Angesichts der möglichen Folgen hörte die Erdenbeere sofort auf zu pressen und
sprang nach einer Dreiviertelstunde erbost von der Kloschüssel. „Wenn ich könnte,
würde ich platzen vor lauter Wut und Kot in meinem Bauch!“ wetterte die kleine rote
Frucht und hoppelte auf der Badmatte im Dreieck.
Als ihr voluminöser Hintern dabei gegen das Waschbecken dotzte, hörte die Erdenbeere
ein lautes Knacken, das zweifellos aus ihrem Brustkorb kam. „Oh nein, auch das noch!
Ich bin ein armer, armer Pechpilz!“ jammerte sie los, denn sie ahnte was geschehn war:
Ihr zum Bersten angefüllter Darm hatte sich soweit im Bauchraum ausgedehnt, dass er
die Glühbirne, welche in ihrem Herzen brannte, um der Seele den Weg zu leuchten,
einfach gesprengt hatte.


Zweite Leseprobe: Seite 21 bis 23

Und als wäre heute der Tag für riesengroße Emotionen, wurde die Erdenbeere abrupt
von heldenhaften Tugenden wie Mut, Tatendurst, Wille, Stärke sowie Wortgewandheit
in Besitz genommen, warf sich in die Brust und verkündete einer Reisegruppe altkluger
Äpfel, die ihr gerade entgegen kam: „Alle Ventilatoren, Föhne und Klimaanlagen,
zuzüglich vergleichbarer bestialischer Auswüchse der modernen Technik, werde ich
ohne jedwedes Pardon, ausnahms- sowie rückstandslos vernichten! Vernichten!
Jawohl, vernichten! Bald seid ihr mir alle zu Dank verpflichtet, wartet nur ab. Und gebt
mir ein Schwert!“ Sofort hatte die Erdenbeere Bedenken, dass ihre Aufforderung mit dem
Schwert eventuell unprofessionell gewirkt haben könnte. Daher war ihr nur recht, dass
niemand darauf reagierte.
Konrad war nun schon seit längerem völlig schleierhaft, was zum Kuckuck in seine
Reiterin gefahren war, doch hatte er schon als Blechdöschen gelernt, sich in Gelassenheit
zu üben, und so harrte er entspannt der Dinge, die da kommen sollten. (siehe paragraph 13)
Verunsichert fingen die Touristen an, untereinander zu tuscheln, und schlugen einer nach
dem anderen ihre Fremdenführer auf, um zu recherchieren, ob es eine durchaus bekannte
Eigenschaft der hiesigen Bevölkerung war, verrückt zu sein. Die Tatsache, dass die Erdenbeere
zwei Hüte auf einmal auf hatte, trug nicht gerade zur Zerstreuung dieser sich aufdrängenden
Annahme bei. „Auf deinen Beistand in guten wie in schlechten Stunden kann ich mich doch
verlassen, nicht wahr, Konrad?“ überprüfte die Erdenbeere die bande ihrer Kameradschaft.
Sie beugte sich heimlich vor, um in Konrads angerosteten Gesichtszügen zu lesen, ob er einem
Auftrag dieser Dimension überhaupt gewachsen war.
Die Erdenbeere war noch zu keinem Ergebnis gekommen, da beschlich sie selbst so etwas wie
Überforderung und Angst, wenn sie sich die ungeheuerliche Tragweite ihrer Mission bewusst
machte. Sie schob ihre Hüte noch tiefer ins Gesicht, damit die Auswärtigen nicht sahen,
dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Von den heldenhaften Tugenden war zuletzt nicht
eine übriggeblieben. „Geh bitte weiter, Konrad“, flüsterte die Erdenbeere mit erstickter
Stimme und war heilfroh, dass die Blechdose gehorchte.
„Hier entlang, bitte folgen Sie mir. Es gibt noch so viel zu sehen!“ zwitscherte der Reiseleiter,
nervlich am Boden, seinen Schützlingen zu und bemühte sich, von dem unangenehmen
Zwischenfall abzulenken, „lassen Sie uns zunächst die weltbekannten
Limonadenfontänen besichtigen.


Dritte Leseprobe: Seite 29 bis 30

„Konrad, komm wer, wir wollen aufbrechen!“ zitierte die Erdenbeere ihr Reitgefährt zu sich,
welches sich, dem Nahrungsangebot folgend, einige Meter vom Rastplatz seiner Passagierin
entfernt hatte.
Kaum hatte die Blechdose sie ein Stück getragen, wurde die Erdenbeere gewahr,
dass es gerade unheimlich still in ihrem Inneren war. Um sich von ihren Verausgabungen
beim Planschen zu erholen, hatten sich zum ersten mal nach zwei Jahrzehnten alle Mitbewohner
gleichzeitig schlafen gelegt. Jetzt hörte die Erdenbeere nur noch eine Stimme in sich sprechen.
Diese kam aus ihrem Herzen und redete so nuschelig und leise, dass die Erdenbeere selbst unter
angestrengtem Horchen den Inhalt der Worte nicht verstehen konnte.
„Wer ist es, der da spricht? Ich glaube fast, ich bin es selbst. Aber wer bin ich denn?
Ich heiße Erdenbeere und trage Schuhgröße 41. Aber das reicht als Antwort irgendwie nicht.“
Der Erdenbeere wurde mulmig zumute. Eigentlich wollte sie gar nicht wissen, wer sie war.
Denn was wäre, wenn sie so, wie sie war, nicht in Ordnung war? Müsste sie sich dann am
ganzen Körper operieren lassen und ihr Leben nochmal von vorne beginnen? Oder müsste sie
sich in Knechtschaft begeben bei anderen, die sehr wohl in Ordnung waren? Dürfte sie ihr
Leben überhaupt genießen, dürfte es ihr gut gehen? Voller Angst knetete die Erdenbeere ihre
Händchen und hoffte, dass die Stimme in ihrem Herzen niemals laut und deutlich sprechen lernte.
„Und wenn doch, klebe ich ihr einfach ein Pflaster auf den Mund“, versuchte sie die in ihr
aufbegehrende Dramatik abzuwürgen.




Wer ein Exemplar haben möchte, kann dieses entweder
a) direkt bei mir über Birnental@gmail.com bestellen, oder
b) im Hamburger Geschäft des Verlag Gudberg GmbH & CO. KG 
in der Poolstraße 8 kaufen.

In beiden Fällen kostet es 48 €, inkl. Versand.

Viele Informationen zum Thema Psychose finden Sie hier: http://www.psychose.de/
Für die Inhalte dieser Seite trage ich keine Verantwortung. 




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